JES Nordrhein-Westfalen e.V.

Veranstaltungen

Internationaler Fachtag Hepatitis C
24. / 25. Mai in Berlin

02.07.2004

"Zum kultivierten Drogengebrauch gehört die Kultur das benötigte Besteck zu haben und nicht zu tauschen."
(Originalzitat aus dem WS I Eckpunkte einer nationalen HCV Strategie)

Der erste internationale Fachtag Hepatitis C war mit 230 TeilnehmerInnen und ReferentInnen (geplant waren max. 170 TN) sehr gut besucht und dokumentiert damit ein grosses Interesse und der dahinterstehende Wunsch nach Wissens- und Erfahrungstransfer auf allen Ebenen. Neben Selbsthilfe, AIDS-Hilfe, Drogenhilfe und Politik / Bundesbehörden bildete das medizinische Personal einen nicht geringen Anteil. Die Pharma war mit Aventis Pasteur MSD, GlaxoSmithKline, Hoffmann - La Roche und Essex vertreten.Die Veranstaltung wurde in dieser Form erstmalig von der Deutschen AIDS-Hilfe gemeinsam mit akzept und Labas veranstaltet. Die internationale Ebene bildeten vor allem ReferentInnen aus der Schweiz, Niederlande und Österreich.

Als Ziel wurde definiert, dass mit dem Fachtag die Bedeutung der Hepatitis C für die Gruppe der DrogenkonsumentInnen und das Gesundheitswesen herausgearbeitet wird. Hepatitis C soll als eigenständige Infektionskrankheit nicht weiter im Schatten von beispielsweise HIV und AIDS stehen. Die Entwicklung einer nationalen Hepatitis C Strategie sei dringend geboten. Dazu soll ein Netzwerk vieler in diesem Themenfeld tätigen Institutionen und Personen gebildet werden, welches in der Lage ist die zukünftigen Herausforderungen der Prävention, Versorgung, Behandlung und Politik zu begegnen.

Als Ergebnis der Veranstaltung ist die Bildung eines Aktionsbündnisses zu benennen, welches sich u.a. aus VertreterInnen der Deutschen AIDS-Hilfe, JES, Labas, akzept, DGS und Jörg Gölz zusammensetzt. Das Aktionsbündnis will in der öffentlichkeit gegenüber der Gesundheitspolitik mit Nachdruck auf die Notwendigkeit einer zentralen Präventionsstrategie aufmerksam machen. Das neue Wort im Rahmen der Prävention lautet: -Blutbewusstseinž und meint damit das Bewusstsein dafür zu schärfen, welche Gegenstände etc. mit Blut in Berührung gekommen sein könnten.

Der erste Veranstaltungstag widmete sich den medizinischen Aspekten der Hepatitis C. Krankheitsverläufe der verschiedenen Hepatitis-Typen sowie übertragungswege, weltweite Prävalenz und Ausheilungsraten. Als Hochprävalenz-Gebiete gelten Afrika, Südost-Asien, Mittel- und Südamerika sowie Osteuropa. Die Ausheilungsraten der Hepatitis A wurde mit 95, die der Hepatitis B mit 90 bis 95% angegeben. Eine Ko-Infektion mit HIV beschleunigt meist die Entwicklung einer Leber-Zirrhose.

Lt. Dr. Gölz sind DrogengebraucherInnen die am schlechtesten medizinisch versorgte Gruppe der HCV Infizierten. Vor allem der Widerstand der MedizinerInnen gegenüber DrogengebraucherInnen spiele hier eine herausragende Rolle. Dies lasse sich auch mit einem defizitären Fachwissen erklären. Eine Kontraindikation für eine Therapie mit Interferon sei lediglich bei einer HIV Ko-Infektion (CD4 unter 300), Alkohol-Konsum, Suizidgefährdung, einer drohenden Inhaftierung und erheblicher Opiatkonsum gegeben. Seiner Ansicht nach stelle eine Ambulanz mit einem integrierten Labor, Hepatologie, Kenntnisse der Suchtmedizin, einer Möglichkeit gleichzeitig zu substituieren und einer angegliederten psycho-sozialen Beratung der ideale Rahmen für eine HCV-Behandlung.

Auch Dr. Stöver betont, dass Prävention und Behandlung der HCV im Schatten von HIV/AIDS steht. Auf der Seite der MedizinerInnen müssen Vorbehalte ausgeräumt und auf der Seite der HCV-Infizierten muss die Behandlungsbereitschaft gestärkt und Zugangsbarrieren abgebaut werden.

In der Zusammenfassung die wesentlichen Kernaussagen des Fachtags:

Kernelemente der Verhaltensprävention:

Die detaillierte Vorstellung der Schweizer Kampagne (R. Lindner, FASD/BRR/URD, Schweizer Fachstelle für Schadensminimierung im Drogenbereich) von 2001 bis 2003 beschrieb die damalige Ausgangslage, indem es landesweit unterschiedliche Standards und Empfehlungen zu HCV gegeben habe. Es habe ein dringender Handlungsbedarf vorgelegen, da die Zahlen der Neuinfektionen enorm zunahm und überall grosse Verunsicherung herrschte. Die Kampagne umfasste Plakate, Flyer, Faltkarten, Stellwände, Ansteckbuttons, Feuerzeuge, Handbücher und Stellwände. Mit der knappen und klaren Aussage: -MEIN! -DEIN! sind z.B. Plakate und Handzettel bedruckt worden. Unter der Spalte MEIN und unter der Spalte DEIN sind jeweils z.B. ein Löffel, eine Spritze, ein Filter u.ä. abgebildet. Es wurde ein umfangreiches Hepatitis C- Handbuch erstellt und an sämtlichen relevanten Orten und Stellen ausgelegt.

über regionale Weiterbildungsveranstaltungen konnten viele Mitarbeiter gefunden werden, welche sich an dem Projekt beteiligten. Diese wiederum veranstalteten lokale Aktionstage und schulten DrogengebraucherInnen für Peer Support. Es wurde ein Quiz für DrogengebraucherInnen entwickelt, HBV-Impfaktionen koordiniert und durchgeführt, sowie eine Gravurmaschine gekauft. Mit dieser Gravurmaschine konnten sich i.V. - GebraucherInnen ihren Namen oder ein Zeichen auf ihren eigenen Löffel gravieren. Die Peers wurden in die konzeptionelle Arbeit einbezogen. Sie erhielten eine medizinische Bildung, eine sehr gründliche Vorbereitung sowie intensive Begleitung über den gesamten Projekt-Zeitraum. An dem Projekt beteiligten sich 205 Mitarbeiter aus 75 Institutionen.

Das Projekt ist zwischenzeitlich mit Erfolg beendet worden. Die Schweiz verfügt über einheitliche Grundlinien. Die Zahl der Neuinfektionen konnte verringert werden. Auf der Basis der gemachten Erfahrungswerte sei momentan ein neues Projekt zur Sicherung des Wissenstands, stetigen Ergänzung des Wissens im Gange. Es soll gewährleistet sein, dass sämtliche und neueste Informationen für Fachleute zur Verfügung stehen. Jährliche Zirkel unterstützen dieses Ziel. Das Handbuch hat die Inhalte: Grundinfos / Hygieneregeln / Standards für den Umgang / Konsumregeln / Empfehlung für Therapien etc. Es werde in Kürze in drei oder vier Sprachen übersetzt werden und beinhalte etliche Grafiken und Tips für die tägliche Arbeit.

Die Niederlande präsentierten sich über die Stiftung Mainline, Amsterdam (J. Ensdorff). Mainline wurde 1990 gegründet um die HIV/AIDS Prävention gewährleisten zu können. Mainline arbeitet hauptsächlich auf der Strasse und bietet Trainingseinheiten an. 1995 habe es 15.000 bis 20.000 HVC-Infizierte gegeben. Im Laufe dieser Tätigkeit fiel der hohe Anteil HCV-Infizierter auf, so dass sich hieraus ein weiterer Arbeitsschwerpunkt ergab. Aufgrund vorausgesetzter fehlender Compliance bei DrogengebraucherInnen habe es kaum Behandlungen gegeben. Mainline empfindet diesen Zustand als Widerspruch zum gleichberechtigten Zugang gesundheitlicher Versorgungssysteme. In die Zielgruppe werde keinerlei Vertrauen gesetzt.

Die Konsultierung eines Facharztes ist ausschliesslich über den Hausarzt möglich. Eine gestörte oder schlechte Beziehung zum Hausarzt wirke sich oft auch durch die Verweigerung einer Facharztüberweisung aus. So werde DrogengebraucherInnen der Zugang zu lebensnotwendigen medizinischen Versorgungen verweigert. Der Staat führe hier keine Regie und die öffentlichkeit zeige sich gleichgültig, weil es sich lediglich um DrogenkonsumentInnen handele. Australien sei sehr viel weiter und verfüge bereits seit Jahren über einen "Nationalen Hepatitis C Aktionsplan".

Der Workshop -Eckpunkte einer nationalen Hepatitis C Strategiež beschäftigte sich dann auch mit der Frage, inwieweit ein derartiger Aktionsplan für Deutschland sinnvoll sein könnte. Die Besetzung mit I.-I.-Michels / BMGS, D. Radun / RKI und H. Wedemeyer / Kompetenznetz Hepatitis kommt auch zu dem Ergebnis, dass es EU-weit gleiche Standards geben sollte. Es wird festgestellt, dass die Politik sich nicht für diese Thematik interessiert und es, abgesehen von den Entschädigungsleistungen, bisher nicht einmal Beratungsgegenstand gewesen sei. Es gäbe kein Bewusstsein für Hepatitis C. Epidemiologische Ansätze seien unterrepräsentiert.

Dennoch entspreche, lt. Dr. Wedemeyer das allgemein düstere Bild nicht ganz der Realität. Eine Zirrhose beispielsweise entwickele sich lediglich bei 10% der Infizierten, die überwiegende Mehrheit habe lediglich sehr milde Verläufe. Die Krankheitsschwere werde etwas überschätzt. Der grösste Teil der Infizierten benötige keine Therapie. Ausgeheilte HCV kämen öfter vor, als bisher vermutet werde. Es bedürfe dringend mehr epidemiologischer Daten, um hier sichere und fundierte Kenntnisse zu erlangen.

HCV werde erst seit 25 Jahren beobachtet. Das tatsächliche Ausmass sei bisher gar nicht erfasst worden, da es an gesicherten Forschungsergebnissen mangele. Herr Wedemeyer erläutert, dass nicht jedeR zwingend einer Therapie bedarf - jedoch da, wo eine Therapie angezeigt und die Bereitschaft des/r PatientIn vorhanden sei, müsste umgehend der sofortige Therapie-Zugang ermöglicht werden. Die TeilnehmerInnen sind sich darüber einig, dass es einer Verhaltensprävention bedarf und weder die DAH, noch die BzgA Hepatitis als Schwerpunkt habe. Selbst unter MitarbeiterInnen innerhalb der Konsumräume sei ein HCV-Bewusstsein eher schwach ausgeprägt.

Herr Michels betont mehrmals, dass finanzielle Engpässe die Umsetzung nationaler Kampagnen sehr unwahrscheinlich mache. Lt. Kompetenznetz sei der Anteil von 80 - 90% der vermuteten HCV-Infektionen unter DrogenkonsumentInnen nicht nur entmutigend, sondern wahrscheinlich auch zu hoch gegriffen. Die Zahl der Heroin-NeueinsteigerInnen gehe - mit Ausnahme junger Einwanderer aus dem Osten - zurück. Die TeilnehmerInnen fassen zusammen, dass - in Anlehnung an eine englische Kampagne "wake up to see Hep C" - auch wir aus der Schläfrigkeit erwachen sollten, da die bisherigen lokalen und kleineren Projekte bei weitem nicht ausreichten.

Text: Imke Sagrudny